Hunger, Appetit und Sättigung
Diese drei Begriffe benutzen wir täglich — und sie sind deutlich schwerer zu definieren, als es zunächst scheint. Allgemein akzeptierte Definitionen gibt es bis heute nicht.
Ist Hunger ein Anzeiger für Energiemangel?
Naheliegend wäre die Annahme: Hunger zeigt an, dass zwischen Energieaufnahme und Energieverbrauch eine Lücke entstanden ist. So einfach ist es aber nicht. Hunger soll ja einzelne Mahlzeiten steuern — sie einleiten und beenden — und nicht bloß Energiebilanzschwankungen über Tage und Wochen abbilden.
Gegen die einfache Defizit-Deutung spricht noch etwas: Die insgesamt verfügbare Energiemenge eines normalgewichtigen Menschen würde typischerweise für vier bis sechs Wochen reichen. Ein Hungergefühl am Vormittag signalisiert also keinen drohenden Mangel.
Sinnvoller lässt sich Hunger verstehen als eine gute Gelegenheit, demnächst verausgabte Energie wieder auszugleichen — und bei kalorischem Überangebot zusätzliche Speicher anzulegen. Nur unter Bedingungen einer echten Hungersnot hängt das Hungergefühl eng mit den verbleibenden Fettreserven zusammen.
Definitionsversuche
Manche Autoren bestimmen Hunger schlicht als Abwesenheit von Völlegefühl (Rogers & Hardman, 2015). Das Völlegefühl wiederum hängt davon ab, wie groß die letzte Mahlzeit war und wie lange sie zurückliegt. Messbar wird das über gastrointestinale Signale wie die Magenspannung sowie über post-absorptive Signale, unter anderem den Blutzucker.
Hinzu kommt eine Erlebensqualität: Hunger wird meist als unangenehmes Gefühl empfunden (Blundell & Hill, 1985).
Warum das praktisch relevant ist
Diese Unterscheidung ist mehr als akademisch. Wenn Hunger, Appetit und Verlangen verschiedene Dinge sind, dann greifen auch verschiedene Strategien. Ein Verlangen nach etwas ganz Bestimmtem lässt sich nicht dadurch beantworten, dass man irgendetwas isst — und es verschwindet auch nicht dadurch, dass genug Energie vorhanden wäre.
Ebenso erklärt es, warum das bloße Beobachten des eigenen Hungergefühls nicht immer ausreicht. Wer über längere Zeit stark gezügelt gegessen hat, hat unter Umständen gelernt, diese Signale zu übergehen — sie sind dann nicht verschwunden, aber schwerer zu lesen.
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